Liebe Eltern

Hatten Sie als Kind ein Vorbild?

Ich hatte zwei. Das eine Vorbild war meine Tante. Wenn sie bei uns auf Besuch war, habe ich sie immer bewundert. Sie war für mich sehr schön und hatte immer eine tolle Frisur. Sie lachte viel und laut. Das andere war Pippi Langstrumpf. Sie war so stark, so unabhängig, so frech, so fröhlich, hat sich nicht darum gekümmert, was andere denken und hat einfach getan, was ihr Spass gemacht hat. Ich war schüchtern und unsicher. Oh, ich wäre gerne ein wenig so gewesen wie sie. Dass sie so alleine ohne Eltern in einem grossen Haus wohnte, war mir zwar schon etwas suspekt, aber sie war mit dem Pferd und Herr Nilsson ja nie alleine.

Meine Eltern waren damals nicht bewusst meine Vorbilder. Wie viel ich aber von ihnen gelernt habe und immer noch lernen kann, das habe ich erst als Erwachsene schätzen gelernt.

Ob wir wollen oder nicht, Erwachsene sind für die Kinder Vorbilder. Väter und Mütter sind Modelle, nach denen sich die Kinder richten v.a. in den ersten Jahren. Danach kommen andere Vorbilder dazu; Grosseltern, weitere Familienmitglieder, Familien der Freunde, die Freundinnen und Freunde selbst, Peers, Stars, Lehrpersonen oder Lehrmeister u.a.m.

Kinder lernen in den ersten Lebensjahren sehr viel. Sie ahmen ihre Eltern nach. Sie beobachten, machen nach, nehmen wahr, wie sie reden, handeln und auf Situationen reagieren. Sie übernehmen schon früh Gesten und imitieren die Eltern. Sie haben Spass daran, die Stöggelischuhe der Mutter zu tragen, mit einem Spielzeug das Telefongespräch der Mutter oder des Vaters nachzuspielen oder sie beim Handwerken zu spiegeln.

Die Kinder sind genetisch zur Hälfte Vater und zur Hälfte Mutter. Sie haben deshalb schon viele Charakter- und Persönlichkeitsmerkmale geerbt. Die Hälfte von dem, was wir sind, steckt schon von vornherein in den Kindern.

Sie lernen, wie Eltern miteinander als Paar reden, wie sie mit anderen Menschen sprechen, wie sie mit Tieren und der Umwelt umgehen.
Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern rücksichtsvoll und geduldig anderen Menschen gegenüber sind, sorgsam mit den Dingen des Alltages umgehen und den Abfall pflichtbewusst trennen, dann wirkt sich das auf das Verhalten der Kinder aus.

Handeln und Verhalten sind gesteuert von Werten. Werte sind Orientierungen und geben vor, worauf wir achten und was uns wichtig ist. Kinder sind in den ersten Lebensjahren unkritisch den Werten der Eltern gegenüber. Sie wachsen ganz natürlich damit auf.

Welche Werte leben Sie den Kindern vor? Wie wichtig sind Ihnen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt, Erfolg, Statussymbole?

Kinder vergleichen die Familienwerte erst später mit denen anderer Menschen. Erst beim Vergleichen und Bewerten passen etwas ältere Kinder und junge Erwachsene teilweise Wertvorstellungen an. Da machen Ihnen Sportidole und Medienstars den Platz als Vorbild streitig. Bis dahin haben Sie über viele Jahre bereits einen Boden für Werte geschaffen.

Fortsetzung:

Welches Vorbild sind Sie?
Laufen Sie jeweils zum nächsten Fussgängerstreifen oder überqueren Sie die Strasse, wo immer sie gerade sind?

Die Autorin Anita Allenspach ist Schulleiterin Kindergarten und Primarschule der Schule Schmerikon.

Der Beitrag ist auch im Gemeindeblatt 2020-10 erschienen.